Man ist für den Betrieb da – Tag und Nacht

eingetragen in: Presse | 0

Kreisjahrbuch s'Eige zeige

Ein Auszug aus dem Kreisjahrbuch des Landkreises Emmendingen „s’Eige zeige“

Hans Lösslin erzählt:

Ich bin in Kenzingen geboren und in Weisweil aufgewachsen. Ich bin der Jüngste von fünf Geschwistern. Nach der Schule habe ich Gärtner gelernt und später die Gärtnerei meiner Eltern übernommen. Mein Vater hat die Gärtnerei während des letzten Krieges gegründet. Er war der Jüngste von neun Geschwistern und wie seine vier Brüder im Krieg. Damals gab es die Regelung: Wenn von einer Familie fünf Söhne im Krieg sind, darf einer heimkommen. – Mein Opa stand also vor der schwierigen Entscheidung: „Welchen von meinen fünf Söhnen hole ich heim?“ Dann hatte er die Idee: „Es soll der heimkommen, der am weitesten weg ist.“ – Mein Vater war damals in Afrika beim Rommel (Erwin Rommel (1891–1944) war Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Afrika. Ziel des Afrikafeldzugs vom 9. September 1940 bis zum 13. Mai 1943 war es, die Vorherrschaft in Nordafrika zu erlangen.)

1942 ist er heimgekommen und hat gleich die Gärtnerei östlich vom Weisweiler Friedhof gegründet. Er war gerade 24 Jahre alt. Damals wurden Blumen, hauptsächlich aber Gemüsejungpflanzen gezogen. Das ganze Dorf wurde mit Gemüsejungpflanzen versorgt.

Mein Großvater Jakob Lösslin führte das Gasthaus Adler, und nebenher betrieb er Landwirtschaft wie jeder im Dorf. Aber mein Vater ist nicht in den elterlichen Betrieb eingestiegen, sondern hat sich auf die Gärtnerei spezialisiert. Er hatte vor dem Krieg in Endingen eine Lehre in der Gärtnerei Scheerer gemacht und anschließend in Emmendingen bei der Gärtnerei Sauter gearbeitet. Den Winter über, wenn es in der Gärtnerei wenig zu tun gab, hat er bei Baufirmen gearbeitet. In jungen Jahren ist er auch Mähdrescher gefahren, um Geld dazuzuverdienen. 1956 haben meine Eltern das Wohnhaus gebaut und die Gärtnerei an den heutigen Standort verlegt.

 

Fritz Lösslin, Gärtnerei Lösslin
Mein Vater Fritz Lösslin
Gärtnerei Lösslin 1942
Die erste Gärtnerei gegenüber vom Friedhof mit einer Baracke, mit Frühbeeten und sogenannten Erdhäusern

In dieser Zeit wurden hauptsächlich Gemüse- und Zierpflanzen angebaut. Von Trauerkränzen bis zu Hochzeitssträußen wurde alles gefertigt. Das nannte man damals einen gemischten Betrieb.

Früher war der Blumenladen am Samstag bis abends um sechs, sieben Uhr geöffnet. Es gab auch unter der Woche keinen richtigen Geschäftsschluss, die Leute sind dann gekommen, wenn sie etwas gebraucht haben. In den Siebzigerjahren wurde der Betrieb weiter ausgebaut, denn der Bedarf, sowohl hier im Dorf als auch auf dem Großmarkt in Freiburg, wurde immer größer. Kartoffeln wurden angebaut und zugekauft. Damals wurde auch viel Ware in den Schwarzwald verkauft; in Furtwangen waren große Abnehmer.

Ich habe 1976 bis 1979 Gärtner gelernt, speziell die Sparte Gemüsebau. Als ich in den Betrieb eingestiegen bin, haben wir den Gemüsebau etwas intensiviert. Aber mit der Zeit hat sich herauskristallisiert, dass mehr Bedarf an Zierpflanzen besteht. Abnehmer waren damals hauptsächlich die Leute aus dem Dorf und der Großmarkt. Morgens haben sich dort die Gärtner und Großhändler getroffen und ihre Geschäfte getätigt. Man ist zwei-, dreimal in der Woche auf den Großmarkt gefahren und hat die Ware verkauft. Dort hat man auch Kundschaft aus dem Schwarzwald kennengelernt. Die haben oft mehr benötigt, als sie laden konnten. Deshalb sind wir dann Touren in den Schwarzwald gefahren, um sie direkt zu beliefern. Wir haben heute noch Kundschaft aus jener Zeit.

Zu unserer Kundschaft gehörten Blumengeschäfte, hauptsächlich aber Lebensmittelgeschäfte, die Salat, Tomaten, alles, was wir an Gemüse hatten, und eben auch Blumen von uns bezogen haben. Im Frühjahr hat man hauptsächlich Blumen und Gemüsesetzlinge produziert.

Salatacker Gärtnerei Lösslin
Salatacker am Kenzinger Weg 1986
Kopfsalat für den Großmarkt, 1982
Kopfsalatlieferung für den Großmarkt 1982

Im Sommer, wenn die Gewächshäuser nach der Blumenzeit wieder leer waren, hat man dort Gurken und Tomaten angepflanzt. Die Tomaten hatten einen sehr intensiven Geruch. Die neueren Sorten riechen auch, aber nicht mehr so intensiv wie die alten. Die Kundschaft ist immer größer geworden, und wir sind mit der Kundschaft gewachsen. 1992 haben wir den Gemüsebau komplett eingestellt und machen seither nur noch Blumen- und Zierpflanzenanbau sowie Gemüsesetzlinge. Man kann ja nicht alles machen. Man muss sich spezialisieren und sich ein Ziel setzen: „Das mach ich jetzt, und ich mach es richtig.“

Heute kaufen wir den Samen für die Gemüsesetzlinge. Noch in meiner Kinder- und Jugendzeit hat mein Vater die Paprikaschoten getrocknet, dann den Samen herausgeklopft und wieder ausgesät. Mit den Spezialsorten heutzutage geht das nicht mehr. Die Pflanzen würden sich in den nächsten Generationen zurückentwickeln, dann gäbe es nicht die einheitlichen Früchte, die man haben will. Alte Sorten sind mit Sicherheit abhanden gekommen. Im Samengarten in Eichstetten werden alte Sorten wieder kultiviert. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass die alten Sorten nicht so ertragreich sind wie die Neuzüchtungen. Aber für einen Gartenbaubetrieb muss der Ertrag stimmen, und es muss die Frühzeitigkeit garantiert sein. Früher hat man die ersten Tomaten im August geerntet. Heutzutage ist es so: Wenn man im Mai Tomaten pflanzt, kann man, wenn das Wetter nicht ganz schlecht ist, im Juni die ersten Tomaten aus dem Garten holen. Was die Frühzeitigkeit, das Aussehen und das Wachstum der Pflanzen anbelangt, hat sich alles geändert.

Hans Lösslin Gärtnerei Lösslin
Das bin ich während meiner Lehrzeit beim Radieschen waschen

Wir bieten unseren Kunden mittlerweile auch veredelte Tomatensetzlinge an. Um Tomaten vor Wurzelkrankheiten zu schützen, wird der Kopf einer Edeltomatenpflanze auf den Stängel einer Wildtomate aufgepfropft. Eine solche Tomate ist entsprechend teuer. Wir haben aber auch ganz normale Tomaten, das sind auch sehr gute Sorten.

Veredelter Tomatensetzling
Veredelter Tomatensetzling

Von April bis Juni läuft das Beet- und Balkonsortiment von A wie Ageratum bis Z wie Zinnien. Ende Januar, Anfang Februar geht es mit den Gemüseaussaaten los. Zuerst werden Salat und Tomaten, dann Paprika ausgesät. Man sät nicht alles auf einmal aus. Alle 14 Tage, drei Wochen wird ein bestimmtes Quantum ausgesät, sodass man immer jungwüchsige Pflanzen hat, die man verkaufen kann. Im März geht der Verkauf mit den ersten Primeln und Stiefmütterchen richtig los, weiter geht es mit den ersten Salatjungpflanzen. Bis vor zehn, fünfzehn Jahren haben wir auf circa drei Hektar Ackerland Stiefmütterchen herausgestochen. Das war eine Knochenarbeit. Heutzutage zieht man alles in Töpfen. Mitte April geht es mit dem Geranienverkauf und den anderen Beet- und Balkonpflanzen weiter. Wenn das Wetter günstig ist, fragen die Leute schon früh nach den ersten Gemüsejungpflanzen. – Im Dritten Reich, hat mir meine Mutter erzählt, war es unter Strafe verboten, vor dem 15. Mai Gemüsesetzlinge zu verkaufen. Pflanzensamen waren rar, da durfte nichts erfrieren, sonst wäre die Versorgung der Bevölkerung gefährdet gewesen.

Stiefmütterchenernte 1992
Bei der Stiefmütterchenernte 1992

Als ich in der Lehre war, hat man ab dem 10. Mai Geranien verkauft; heute geht der Verkauf, wenn das Wetter es erlaubt, schon am 15. April los. Wenn dann noch Spätfröste kommen, ist es natürlich nicht ideal. Der Mai ist bei uns der Hauptverkaufsmonat. Ende Mai, Anfang Juni topfen wir die Chrysanthemen, die in den Gewächshäusern vorkultiviert wurden. Ende Juni, Anfang Juli bringen wir sie ins Freiland. Dann geht es mit der Aussaat von Stiefmütterchen weiter. Ab Mitte August werden die ersten Chrysanthemen verkauft. Das zieht sich bis Ende Oktober hin. Das Gleiche gilt auch für die Stiefmütterchen. Im September werden die Primeln getopft, die im Februar, März des nächsten Jahres verkaufsfertig sind. Anfang September säen wir Bellis, circa sechs Wochen später werden sie in die Endtöpfe eingetopft. Auch sie sind erst im Februar, März des nächsten Jahres verkaufsfähig. Mit unseren Kulturen haben wir immer eine Vorlaufzeit von zwei bis sechs Monaten, und in dieser Zeit stehen die Pflanzen in den Gewächshäusern.

Wie viele Pflanzen man benötigt, weiß man aus Erfahrung. Man hat immer dieselbe Kundschaft. Der Europapark ist einer unserer Kunden. Wir liefern nur an, der Europapark pflanzt selbst. Wir haben auch noch aus meines Vaters Zeiten Friedhofsgärtner als Kunden. Mittlerweile beliefern wir fünf Friedhofsgärtner in Freiburg und Emmendingen. Die Stückzahlen sind jedes Jahr in etwa gleich. Die Friedhofsgärtner bestellen ihre Pflanzen vor: „Die und die Menge brauche ich.“ Wir beliefern auch Großhändler, die an Gartencenter in der Schweiz weiterverkaufen. Außerdem versorgen wir Raiffeisenmärkte. Es gibt auch zwei, drei Gärtnerkollegen in Frankreich, die Pflanzen von uns beziehen. Das hat sich in den letzten fünf, sechs Jahren ergeben. Mein Vater hatte schon Kontakt nach Frankreich, aber da wurden keine so großen Bestellungen wie heute aufgegeben.

Gärtnerei Lösslin 1986
Die Gärtnerei im Winter 1986

Jedes Jahr gibt es neue Pflanzen, neue Farben, neue Wuchsarten. Aber man kann nicht alles machen. Wir müssen uns auf bestimmte Kulturen beschränken. Wir ziehen das, von dem wir denken, dass es bei den Leuten gut wächst und womit sie auch zufrieden sind. Die Vielfalt, die inzwischen angeboten wird, ist unheimlich. Es gibt Pflanzenmessen, Ausstellungen von Samenfirmen und Jungpflanzenfirmen, wo man sich kundig macht. Wir sind mehrmals im Jahr am Niederrhein oder in Holland unterwegs, um zu schauen, was es an Neuheiten gibt. Übers Jahr verteilt kommen Vertreter dieser Firmen zu uns: „Da haben wir etwas Neues.“ Alte Sachen fallen dann aus dem Sortiment. Es gibt Fachzeitschriften, in denen neue Pflanzen vorgestellt werden. Man muss sich auf dem Laufenden halten und ist ständig unter Strom. Eine ruhige Zeit gibt es nur ab und zu, und dann nur ein bisschen.

Es ist nicht mehr so wie früher, wo man sagen konnte: „Im Winter wächst nichts, da ist es ruhig.“ Wenn du es in der Gärtnerei etwas ruhiger hast, musst du schauen, was es für Neuheiten gibt, du musst Bestellungen vorbereiten und mit den Kunden die Stückzahlen absprechen, die sie benötigen. Die Woche darauf muss der Jungpflanzenlieferant kommen, damit man die Pflanzen bestellen kann. Man muss heutzutage nicht nur Gärtner, sondern auch Kaufmann sein. Man muss ein Allrounder sein. Die Arbeit ist sehr abwechslungsreich, aber auch sehr stressig. Als ich noch klein war, war die Gärtnerei auch klein. Wir sind sozusagen zusammen groß geworden.

Luftbild der Gärtnerei Lösslin im Mai 1979
Die Gärtnerei im Jahre 1979. „Der Vater hat früher viele Gewächshäuser selbst gebaut. Da sieht man noch den Tomatenanbau in den alten Gewächshäusern.

Vor 35 Jahren haben wir Geranien für 4 DM verkauft, heute sind wir bei 2 Euro. Das entspricht sich zwar vom Geldwert her gesehen, aber nicht von der Kaufkraftentwicklung. Das ist bei anderen Kulturen genauso. Um mitzuhalten, müssen wir Massen produzieren und dabei Topfmaschinen, Setzroboter usw. einsetzen. Man muss die Technik nutzen, damit man mit wenigen Leuten große Stückzahlen produzieren kann.

Die idyllischen Zeiten, als man zu den Gärtnereien gefahren ist, da ein bisschen was verkauft hat und dort ein bisschen was verkauft hat, sind vorbei. Wenn früher ein Kunde angerufen hat, konnte er sagen: „Bringst du mir die Pflanzen im Lauf der Woche?“ – Das gibt es nicht mehr. Die Großhändler rufen morgens an, und am Abend wollen sie die Ware auf dem Hof haben, weil sie am nächsten Tag die Gartencenter beliefern. Das Geschäft ist sehr schnelllebig und hektisch geworden. Man muss eine sehr gute Logistik haben. Unser Betrieb ist durchorganisiert wie ein Industriebetrieb. Man muss Menge und Preise, Maschinen- und Arbeitskräfteeinsatz genau kalkulieren.

Bei den Schnittblumen ist der Preisverfall nicht so schlimm wie bei Topfpflanzen. Schnittblumen kommen vor allem aus dem Ausland, wo die Arbeitskraft billig ist. Was früher eine D-Mark gekostet hat, kostet heute einen Euro.

Es gibt auch in Deutschland große Gärtnereien, die billig produzieren können. Ich war kürzlich bei einer Gärtnerei im Emsland, da sind über 20 oder 30 Hektar unter Glas. Die machen Anbauverträge mit Aldi, Lidl usw. Diese Betriebe produzieren große Stückzahlen und wissen schon ein Jahr im Voraus: Am 10. April nimmt mir Aldi soundsoviel Tausend von den und den Pflanzen ab. Dieser Betrieb braucht, dank seiner großen Anbaufläche unter Glas, nicht darauf zu achten, ob es regnet, ob es kalt ist oder ob es schneit. Die Blumen sind auf den 10. April bestellt und gehen am 10. April an die Zentralen von Aldi, Lidl oder sonst wohin. Und von dort aus werden sie an die Filialen verteilt.

altes Gewächshaus der Gärtnerei Lösslin
Ein altes Gewächshaus, das mein Vater gebaut hat.

Bei uns ist das anders. Wir haben persönlichen Kontakt zu unseren Kunden, wie zum Beispiel zu den Friedhofsgärtnern. Die schauen aufs Wetter und können sagen: „Diese Woche ist es regnerisch, wir können nichts pflanzen. Wir verschieben die Anlieferung um zwei, drei Tage!“ – Das kann auch mal eine Woche sein. – Wir hatten schon manches Frühjahr, wo es im März noch geschneit hat. Es kam schon vor, dass eine Gärtnerin angerufen hat: „Du brauchst mir diese Woche nichts bringen. Es hat geschneit. Es ist gefroren. Das hat gar keinen Wert. Wo soll ich es hinstellen?“ – Wir behalten es dann ein paar Tage zurück, müssen die Pflanzen aber weiterhin in Ordnung halten. Großgärtnereien wie die im Emsland würden das nicht machen. Aber da geht es um ganz andere Stückzahlen und ganz andere Preise. Zwischen denen und uns liegen Welten.

Der Maschineneinsatz in der Gärtnerei ist hoch. Wir setzen Topfmaschinen, Absetzroboter, Presstopfmaschinen und im Gewächshaus Mobiltische ein. Diese Tische kann man in alle Richtungen verschieben, rausschieben, quer und längs verschieben. Dadurch entfallen die Hebearbeiten. Früher zog man die Pflanzen auf dem Boden bzw. in Frühbeetkästen. Als ich jung war, gab es Kieswege zwischen den Beeten. Um die Pflanzen in der Gärtnerei zu transportieren, hat man zwei kurze Bretter über den Schubkarren gelegt, die Kisten draufgestellt und los ging’s. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.

Früher haben wir unsere Pflanzerde selbst gemacht, indem wir normale Erde gedämpft und in der Betonmaschine mit Torf und Dünger gemischt haben. Als der Bedarf größer wurde, ging das nicht mehr. Heute beziehen wir unsere Fertigerde aus Norddeutschland. Man gibt dem Hersteller eine bestimmte Rezeptur: Düngergehalt, Kalimenge, Stickstoffmenge, Torfanteil, ob Schwarztorf oder Weißtorf, wie viel Ton man drin haben will usw. – Jeder Gärtner hat seine eigene Mischung. Alle zwei bis drei Wochen kommt ein großer Lkw und bringt 70 Kubikmeter Pflanzenerde. Die ist so gut, dass wir nur noch eine Erde für alle Pflanzen brauchen. Früher hat man bei gewissen Kulturen unterschieden, heute ist das nicht mehr nötig. Bei den Mengen kann man gar nicht mehr auf andere Erden umstellen. Wenn die Topfmaschine läuft, topft man zwei Stunden Geranien, dann Surfinien oder Fuchsien oder wieder was anderes. Da kann man nicht ständig die Erde wechseln.

Paulina und Renata Gärtnerei Lösslin
Paulina und Renata kommen aus Polen. Paulina ist die Tochter eines Mitarbeiters, der schon seit 20 Jahren bei uns arbeitet. Sie ist letztes Jahr zum ersten Mal mit nach Weisweil gekommen.

Auch wenn sich im Verhältnis zu früher vieles geändert hat, nimmt man dennoch jede Pflanze mindestens zwei- bis dreimal in die Hand, bevor sie verkauft wird. Im Spätjahr produzieren wir 600.000 bis 700.000 Veilchen. Die hat man in der Hand, wenn man sie topft, die hat man in der Hand, wenn man sie erntet. Da ist noch nichts mit Vollmechanisierung. In Holland gibt es große Betriebe, da werden die Pflanzen automatisch aus dem Gewächshaus geholt und in die Packhalle gebracht. Aber auch dort sind Leute, die kontrollieren und aussortieren. Nach wie vor gilt: Ohne menschliche Arbeitskraft geht es nicht.

Die Vollautomatisierung funktioniert nur in Großbetrieben, die eine oder zwei Kulturen haben. Solche Betriebe gibt es am Niederrhein und in Holland. Hier im süddeutschen Raum gibt es das nicht. Wir haben hundert und noch mehr verschiedene Kulturen pro Vierteljahr, das geht nur mit Handarbeit.

Christoph und Jurek
Unsere Mitarbeiter Christoph und Jurek

Im Landkreis Emmendingen gehören wir zu den großen Gärtnereien. Es gibt noch drei, vier Betriebe in entsprechender Größe. Wir haben circa 15.000 Quadratmeter unter Hochglas und Folie. Und im Sommer ziehen wir auf zwei bis drei Hektar Freiland Chrysanthemen.

Das Verhältnis der Gärtner untereinander ist gut. Man hat nicht mit allen intensive Kontakte, aber mit den meisten. Mit denen tauscht man sich aus und spricht sich auch mal ab: „Du machst das, ich das.“ Es ist nicht mehr so wie früher, als jedes Dorf eine kleine Gärtnerei hatte, die in Konkurrenz zur Gärtnerei im Nachbardorf stand. Im Gegenteil: Heute ist es so, dass die Kleingärtner bei den großen Gärtnereien gewisse Pflanzen zukaufen. Es rentiert sich für sie nicht, diese selbst zu produzieren. Und wenn du nicht eine gewisse Menge abnimmst, beliefern dich die Großproduzenten nicht. Gerade neulich hat mir ein Vertreter erzählt, sie müssten jetzt wieder kleine Betriebe abgeben, weil deren Umsatz zu gering ist. Das bekommen sie von der Konzernleitung diktiert. Deshalb kommen die kleinen Gärtner zu uns und sind froh, wenn sie die Jungpflanzen von uns bekommen. Diese Lieferanten sind richtig große Betriebe, die Millionen von Jungpflanzen produzieren. Die Namen ändern sich ab und zu, aber dahinter stehen große Konzerne. Die haben natürlich auch das Kapital, um Forschungslabore für Neuzüchtungen zu unterhalten.

Auf die Pflanzen muss man immer ein Auge haben. Man muss täglich durch die Kulturen gehen und nachschauen, ob alles in Ordnung ist. Wir sind in einem Nützlingsverbund. Das ist eine Firma mit Sitz in Karlsruhe, die über die EU und die Gärtner finanziert wird. Die Mitgliedsgärtnereien müssen für die Beratung bezahlen. Die Berater sind keine Industrievertreter. Sie sind neutral und wissen genau, welches Pflanzenschutzmittel man nehmen darf und welches man nicht nehmen darf. Der Pflanzenschutzberater kommt alle zwei, drei Wochen vorbei – je nach Bedarf. Wir gehen miteinander durch die Kulturen und besprechen gewisse Dinge: Ist irgendwo ein Druck von einer Krankheit? – Wenn es warm und windig ist, gibt es gern Lauszuflug. Da muss man aufpassen. Es gibt gewisse Schädlinge, Krankheiten, wogegen man prophylaktisch spritzt, andere Pflanzen spritzt man nur bei Bedarf. Da kann man nichts dem Zufall überlassen. Die Pflanzen, die man im Gewächshaus stehen hat, müssen gesund sein, denn sie sollen verkauft werden.

Von diesem Nützlingsverbund bekommen wir die Pflanzenschutzmittel empfohlen, die nicht bienengefährlich sind. Man kann es sich heutzutage nicht mehr erlauben, ein Mittel zu verwenden, das nicht mehr zugelassen ist. Früher wurde das etwas lockerer gehandhabt, aber diese Zeiten sind vorbei. Die Kontrollen werden immer schärfer. Ein Kontrolleur kommt, nimmt Pflanzen mit und untersucht diese auf Rückstände. Wir verkaufen ja auch an Großhändler, die in die Schweiz liefern. Dort gibt es sehr strenge Einfuhrkontrollen.

Das Gießen erfolgt heute automatisch durch ein Ebbe-Flut-System. Geregelt wird die Bewässerung über einen speziellen Düngecomputer. Unter den Tischen befinden sich zwei Becken à 7.000 Liter. Alle 15 Minuten wird Wasser auf die Tische gepumpt, dabei wird der Dünger beigemischt. Das wird per Computer geregelt. Dieselbe Zeit benötigt das Wasser, um wieder abzulaufen. Dabei läuft es über einen Filter zurück ins Becken. Außer dem Wasser, das die Pflanzen aufnehmen oder das verdunstet, geht kein Wasser verloren. Die Zeiten sind vorbei, als man von Hand wässern musste.

Mir macht die Arbeit das ganze Jahr über Freude. Jede Jahreszeit hat ihre schönen Seiten. Im Frühjahr blühen die Pflanzen, die Qualität ist gut, man kann verkaufen. Darauf freut man sich. Wenn der Verkauf richtig läuft, hat man viel Hektik und viel Stress. Aber wenn das vorbei ist, ist wieder etwas abgehakt vom Jahr, und man freut sich auf die nächste Kultur. Ich habe mal eine Werbung gehört: „Wir wollen versuchen, es jeden Tag ein bisschen besser zu machen.“ Darauf muss man als Gärtner achten. Ich bin bestrebt, immer zu schauen, wo könnte ich noch etwas verbessern, damit man noch effektiver arbeiten kann und die Qualität noch besser wird. Es ist ein gutes Gefühl, wenn man in ein Gewächshaus hineingeht und sieht, dass eine Pflanze so schön ist wie die andere und man sie nur herausnehmen muss, um sie auszuliefern.

Mit den Saisonarbeitskräften beschäftigen wir zehn Mitarbeiter. Sechs sind feste Arbeitskräfte, die das ganze Jahr hindurch angestellt sind. Wir haben aber auch Saisonarbeiter aus Polen, einige kommen schon seit fast 25 Jahren zu uns. Sie sind zweimal im Jahr hier, im Frühjahr und im Spätjahr. In der Hauptsaison sind es mehr, im Juni, Juli, wenn es ein bisschen ruhiger ist, sind weniger da. Sie wechseln sich ab. In den Wintermonaten Dezember, Januar, Februar ist keiner von ihnen da.

Meine Frau ist in den Betrieb involviert, mein Bruder Fritz ist zwar schon Rentner, kommt aber jeden Tag und unterstützt mich bei der Anbauplanung und dem Vertrieb der Pflanzen. Von den Kindern hat noch keines Gärtner gelernt. Der Sohn geht in die Richtung. Er macht gerade eine technische Ausbildung – bei den vielen technischen und elektronischen Apparaten und Installationen, die bei uns im Einsatz sind, ist das wichtig. Gärtner kann er später immer noch lernen. Die älteste Tochter ist in Kehl auf der Verwaltungsfachhochschule. Sie hilft bei den Büroarbeiten, kümmert sich um die Werbung und pflegt unseren Internetauftritt. Meine Frau erledigt die Büroarbeiten und ist im Endverkauf tätig. Außerdem sorgt sie dafür, dass etwas zum Essen auf den Tisch kommt, und sie versorgt meine pflegebedürftige Mutter.

Urlaub können wir auch machen. Früher sind wir ab und zu in Skiurlaub gefahren, und letztes Jahr waren wir im Sommer ein paar Tage weg. Wir schauen, dass wir im Winter und im Sommer jeweils acht Tage für uns herausholen. Nur arbeiten, das geht nicht.

Meine Eltern kannten keinen Urlaub. Mein Vater war ja in Afrika beim Rommel, und jedes Jahr gab es ein Ehemaligentreffen seiner Einheit. Das fand jeweils bei einem anderen Ehemaligen statt. Meine Eltern sind zwei, drei Tage da hingefahren, das war es dann mit dem Urlaub. Und ab und zu waren sie auch mal mit dem „Vergnügten Breisgauer“ unterwegs. – In Urlaub fahren war auf dem Land ohnehin nicht üblich. Wenn aber früher mal ein Regentag war, konnte mein Vater zu meiner Mutter sagen: „Ach, heute regnet’s. Weißt du was, jetzt gehen wir einkaufen.“ Dann sind wir nach Kenzingen gefahren, um Kleider zu kaufen. Da wurde man wieder einmal neu eingekleidet.

Man ist für den Betrieb da – Tag und Nacht. Wenn der Alarm nachts runtergeht, weil irgendwo eine Störung ist, muss man raus und den Fehler beheben. Gerade im Frühjahr, wenn die Gewächshäuser voll mit Pflanzen sind, wäre es fatal, wenn man einen Schaden hätte. Man muss sich darum kümmern, dass alles funktioniert und alles passt. Man kann schon sagen: Die Gärtnerei ist unser Leben.

 

Wir bedanken uns recht herzlich bei Kreisarchivar Gerhard Auer für den tollen Beitrag im diesjährigen Jahrbuch.

 

Das Jahrbuch „s’Eige zeige“ können Sie entweder bei uns oder in folgenden Buchhandlungen kaufen: Buchhandlung Vollherbst-Koch in Endingen, Buchhandlung Bücherwurm in Kenzingen und Herbolzheim.

Bitte hinterlasse eine Antwort